von Melanie Hasch

Warum Pflanzen duften

Von chemischen Signalen zu ätherischen Ölen

Von Andrea Galuba-Urschel

Warum duftet eine Blüte? Die naheliegende Antwort lautet: um Bestäuber anzulocken. Doch damit ist nur ein Teil der Geschichte erzählt. Pflanzen geben auch Duftstoffe ab, wenn ihre Blätter verletzt werden. Manche dieser Stoffe helfen anderen Lebewesen, eine von Raupen befallene Pflanze aufzuspüren. Und selbst innerhalb einer einzigen Pflanze erfüllen die Duftstoffe von Blüte, Blatt und Fruchtschale unterschiedliche Aufgaben.

Ich arbeite mit ätherischen Ölen und höre oft, in ihnen stecke „die Kraft der Pflanze“. Das ist ein schönes Bild. Mich interessiert aber, was sich genauer dahinter verbirgt. Was macht die Pflanze mit ihren Duftstoffen, bevor wir sie gewinnen und verwenden? Und was verrät uns dieses Wissen über ein ätherisches Öl?

Foto: pixabay-3490599

Pflanzenduft ist ein Gemisch flüchtiger Stoffe

Was wir als Rosenduft oder Kräuteraroma erkennen, besteht nicht aus einem einzigen Stoff. Pflanzen bilden zahlreiche chemische Verbindungen; einige davon sind so flüchtig, dass sie in die Luft übergehen. Dort können sie von Tieren, anderen Pflanzen – und von unserer Nase – wahrgenommen werden.

Für die Pflanze kann es einen großen Unterschied machen, wo und wann sie solche Stoffe freisetzt. Eine Blüte hat andere Aufgaben als ein Blatt. Eine unbeschädigte Pflanze befindet sich in einer anderen Situation als eine, an der Raupen fressen. Entsprechend verändert sich auch, welche Stoffe abgegeben werden und in welcher Menge.

Wenn wir von der „Sprache der Pflanzen“ sprechen, ist das eine Metapher für diese chemischen Wechselwirkungen. Eine Pflanze formuliert keine Botschaft mit einer festen Bedeutung. Ihre Stoffe treffen auf Lebewesen, die im Lauf der Evolution darauf reagiert haben. Gerade dieses Zusammenspiel macht Pflanzendüfte so interessant.

Blüten: Duft als Wegweiser für Bestäuber

Viele Blütenpflanzen benötigen Tiere, die Pollen von einer Blüte zur nächsten tragen. Ein Bestäuber muss die passende Blüte zunächst finden – manchmal über eine beachtliche Entfernung und zwischen vielen anderen Geruchsquellen. Duft kann ihm dabei als Orientierung dienen.

Wichtig ist: Eine Blüte muss nicht für Menschen angenehm riechen, um erfolgreich zu sein. Entscheidend ist, welche Tiere sie erreichen soll und welche Gerüche diese Tiere wahrnehmen können. Blüten unterscheiden sich deshalb nicht nur in Farbe und Form, sondern auch in ihren Duftmischungen.

Ein besonders aufschlussreiches Detail ist die Uhrzeit. Manche Pflanzen geben ihren Blütenduft nicht gleichmäßig über den Tag verteilt ab. Bei Petunien haben Forschende gezeigt, dass die innere Uhr der Pflanze den Zeitpunkt der Duftabgabe mitsteuert. Bei Blüten, die von nachtaktiven Schwärmern besucht werden, wird das Aroma vor allem dann wichtig, wenn diese Bestäuber unterwegs sind.

Eine duftende Blüte ist also kein dauerhaft eingeschalteter Raumduft. Sie setzt Stoffe in einem ökologischen Zusammenhang frei. Genau diesen Zusammenhang verlieren wir leicht aus dem Blick, wenn wir nur das fertige Aroma wahrnehmen.

Blätter: Warum eine verletzte Pflanze anders riecht

Kennen Sie den intensiven Geruch frisch gemähten Grases? Ein Teil davon entsteht erst, weil Pflanzengewebe verletzt wurde. Wird ein Blatt geschnitten oder angefressen, laufen chemische Reaktionen ab, bei denen unter anderem sogenannte grüne Blattduftstoffe entstehen. Zu ihnen gehören Verbindungen, die wir als frisch und „grün“ wahrnehmen.

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Diese Stoffe sind für die Pflanze mehr als ein Nebenprodukt der Verletzung. Sie sind an Reaktionen auf Fraß und andere Belastungen beteiligt. Untersuchungen zeigen außerdem, dass flüchtige Stoffe beschädigter Pflanzen bei benachbarten Pflanzen Abwehrprozesse beeinflussen können. In der Forschung wird häufig von Priming gesprochen: Eine Pflanze reagiert nach Kontakt mit solchen Stoffen bei einem späteren Angriff unter Umständen schneller oder stärker. Welche Reaktion tatsächlich eintritt, hängt allerdings von den beteiligten Arten und Bedingungen ab.

Damit erhält ein vertrauter Alltagsgeruch eine unerwartete Bedeutung. Für uns mag frisch geschnittenes Gras nach Sommer riechen. Für die Pflanze hängt dieser Duft mit einer Beschädigung zusammen. Unsere angenehme Wahrnehmung sagt noch nichts darüber aus, welche Aufgabe die Stoffe in der Natur haben.

Wenn ein Pflanzengeruch andere Tiere auf den Plan ruft

Bei einem Raupenbefall kann sich die Duftmischung einer Pflanze verändern. Manche Schlupfwespen nutzen solche Gerüche, um Pflanzen mit geeigneten Wirtsraupen zu finden. Sie legen ihre Eier an oder in diesen Raupen ab; für die befallene Pflanze kann das den Fraßdruck verringern.

Eine grundlegende Untersuchung zeigte bereits 1990, dass parasitische Wespen von raupenbefallenen Pflanzen freigesetzte Gerüche zur Wirtssuche nutzen können.

Populärwissenschaftlich wird das gern so beschrieben: „Die Pflanze ruft um Hilfe.“ Das Bild bleibt im Gedächtnis, ist aber verkürzt. Die Pflanze handelt nicht bewusst. Sie verändert nach dem Angriff ihre chemische Abgabe, und die Wespen können diese Veränderung als Hinweis nutzen. Zudem sind solche Wechselwirkungen nicht immer von Vorteil: Ein Geruch kann je nach Situation auch Tiere anziehen, die der Pflanze schaden.

Für mich liegt der eigentliche Erkenntnisgewinn gerade in dieser Genauigkeit. Pflanzendüfte sind keine Sammlung wohlklingender Eigenschaften wie „beruhigend“ oder „belebend“. Sie gehören zu Beziehungen zwischen Pflanzen, Insekten und ihrer jeweiligen Umgebung.

Eine Pflanze, drei Öle: das Beispiel Bitterorange

Was bedeutet das nun für ätherische Öle? Besonders anschaulich lässt sich die Verbindung an der Bitterorange (Citrus aurantium) erklären. Aus derselben Pflanzenart werden Öle aus drei unterschiedlichen Teilen gewonnen: Aus der Fruchtschale stammt Bitterorangenöl, aus den Blüten wird Neroliöl destilliert und aus Blättern und jungen Zweigen wird Petitgrainöl gewonnen.

Die drei Produkte riechen unterschiedlich, obwohl sie von derselben Pflanzenart kommen. Analysen zeigen auch Unterschiede in ihrer chemischen Zusammensetzung. Im Öl der Fruchtschale überwiegt häufig Limonen. Blattöl enthält dagegen unter anderem größere Anteile von Linalool und Linalylacetat; Blütenöl hat wiederum ein eigenes Profil. Die genauen Anteile können schwanken.

Das ist für mich viel aussagekräftiger als die pauschale Rede von „dem Orangenöl“. Welcher Pflanzenteil wurde verwendet? Diese Frage entscheidet bereits wesentlich mit darüber, was im Fläschchen enthalten ist. Der Duft einer Blüte, der Duft eines Blattes und das Aroma einer Fruchtschale sind keine austauschbaren Varianten derselben Essenz.

Sie erfüllen an der lebenden Pflanze zudem nicht zwangsläufig dieselbe Funktion. Die Blüte ist Teil der Fortpflanzung und steht in Beziehung zu Bestäubern. Blätter sind unter anderem Angriffen durch Pflanzenfresser ausgesetzt. Die Schale schützt die Frucht und enthält eigene Duftstoffgemische. Das Öl trägt Bestandteile aus einem dieser Pflanzenteile weiter – nicht die gesamte Biologie des Baumes.

Was bei der Gewinnung ätherischer Öle geschieht

Viele ätherische Öle entstehen durch Wasserdampfdestillation. Heißer Dampf strömt durch Pflanzenmaterial und nimmt flüchtige Bestandteile mit. Beim Abkühlen kondensiert das Gemisch; Öl und Wasser lassen sich anschließend voneinander trennen. Zitrusöle aus Fruchtschalen werden häufig durch Pressung gewonnen.

Beide Verfahren machen Stoffe nutzbar, die zuvor in der Pflanze enthalten waren. Sie kopieren aber nicht einfach den Geruch einer lebenden Pflanze unter freiem Himmel. Welche Stoffe gewonnen werden, hängt vom Pflanzenteil und vom Verfahren ab. Zudem kann die lebende Pflanze ihre Duftabgabe fortlaufend verändern – etwa mit der Tageszeit oder als Reaktion auf eine Verletzung. Ein fertiges Öl tut das nicht.

Deshalb würde ich ein ätherisches Öl als konzentriertes Produkt aus einem bestimmten Pflanzenteil beschreiben. Die Bezeichnung ist weniger poetisch als „Seele der Pflanze“, aber sie hilft bei der Auswahl und Anwendung. Wer ein Öl beurteilen möchte, sollte wissen, von welcher botanischen Art und welchem Pflanzenteil es stammt.

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Was sich daraus für die Anwendung ableiten lässt

Aus der Aufgabe eines Duftstoffs in der Natur lässt sich nicht unmittelbar seine Wirkung beim Menschen bestimmen. Dass eine Verbindung Bestäuber anzieht oder an der pflanzlichen Abwehr beteiligt ist, beweist keine heilende, entspannende oder immunstärkende Wirkung bei uns. Solche Aussagen müssen gesondert untersucht werden.

Ebenso wenig bedeutet „pflanzlich“ automatisch „harmlos“. Ätherische Öle enthalten Duftstoffe in konzentrierter Form. Manche können Haut und Schleimhäute reizen oder Unverträglichkeiten auslösen. Bei einer Anwendung auf der Haut kommt es auf ein geeignetes Öl und die richtige Verdünnung an; für Kinder, Schwangere und Menschen mit bestimmten Erkrankungen gelten zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen. I

In meiner Arbeit möchte ich deshalb beides zusammenbringen: die Wertschätzung für Pflanzendüfte und einen genauen Blick auf das Produkt, das ich verwende. Dazu gehört für mich auch, Menschen nach ihren Vorlieben und möglichen Unverträglichkeiten zu fragen, statt einem Öl allein aufgrund seines Namens eine feste Wirkung zuzuschreiben.

Wer Düfte versteht, sieht mehr als ein Fläschchen

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Pflanzen duften aus verschiedenen Gründen. Eine Blüte kann Bestäubern den Weg weisen. Ein verletztes Blatt setzt andere Stoffe frei als zuvor. Der Geruch einer befallenen Pflanze kann von den Gegenspielern ihrer Fraßfeinde genutzt werden. Und Schale, Blüte und Blatt derselben Bitterorange liefern unterschiedliche ätherische Öle.

Das ist die Verbindung zwischen Natur und Aromaanwendung, die ich besonders spannend finde: Ein Öl hat eine botanische Herkunft und eine chemische Zusammensetzung. Je besser wir beides verstehen, desto präziser können wir darüber sprechen – und desto mehr entdecken wir an der Pflanze, von der es stammt.

Verfasser des Artikels

Andrea Galuba-Urschel

Wenn Sie sich für das Thema Pflanzenduft interessieren, stehe ich Ihnen gern jederzeit für ein unverbindliches Informationsgespräch zur Verfügung. Rufen Sie mich an!

Mit ganz herzlichen Grüßen, Ihre Andrea Galuba-Urschel

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